PANAMERICANA – Barbara & Volker

26. März 2010

31 Peru 1 – Durch die Wüste

Filed under: 31 Peru 1 — vokobremen @ 21:36

15.2. – 24.2.2010  Der Grenzübergang nach Peru ist im Vergleich zu allem bisher da gewesenen das reinste Vergnügen. Die Ausreise aus Ecuador ist eine Sache von Minuten, die Einreise nach Peru, nur ca. 20 m entfernt, äußerst entspannt. Während die Grenzer unsere Papiere ausfüllen schauen wir in ihren Fernseher. Sogar die notwendigen Kopien machen sie für uns. So haben wir’s gern!

.

Peru, das Land der berühmten Inkastätten, liegt vor uns. Zunächst ist die Landschaft ähnlich der in Ecuador. Doch je weiter wir in Richtung Pazifikküste und damit ins Tiefland kommen, umso mehr ändert sie sich. Es wird feucht und heiß, günstige Bedingungen für den Reisanbau, der hier überall betrieben wird.

.

Über Tambo Grande fahren wir Richtung Sullana, ohne einen geeigneten Übernachtungsplatz zu finden. Es wird schon dunkel, als wir Sullana erreichen. Die Stadt fällt nach der Beschreibung in einem Reiseführer in die Kategorie „hübsch hässlich“ und ausgerechnet hier müssen wir übernachten. Die einzige Möglichkeit, ein hostal am Stadtrand, scheitert daran, dass das Eingangstor für unser Auto zu niedrig ist. Also fragen wir uns durch zur Polizeistation, die in einer Seitenstraße im Zentrum liegt. Dort können wir am Straßenrand übernachten, sicher und relativ ruhig. Kaum haben wir unsere Casita abgestellt, ist Barbara auch schon von einem halben Dutzend Jungen umringt, die sie mit Fragen löchern: woher wir kommen, wo wir überall waren, wie es dort aussieht und wohin wir noch wollen. Und natürlich, wie uns Peru gefällt. Barbara beantwortet alle Fragen geduldig. Als Dank führen sie uns zu einem chinesischen Resto, wo wir ordentlich essen.

.

Nach einer Schweiß treibenden Session in einem Internetcafe rät uns der Inhaber dringend für den Rückweg ein Moped-Taxi zu nehmen, da es um diese Uhrzeit gefährlich sei, zu Fuß zu gehen. So kommen wir endlich auch mal in den Genuss einer Fahrt mit einem der motos, die zu Tausenden in den Städten herumkurven und das Autofahren zum Hindernislauf machen. Als wir Sullana am Morgen Richtung Piura verlassen, wird die Stadt erneut ihrem Ruf gerecht. Endlose Elendsviertel säumen die Straße. Davor türmen sich Müllhalden, auf denen Massen von Geiern sitzen. Es ist ein trauriger Anblick.

.

Dann beginnt urplötzlich und für uns überraschend die Wüste. Sie sollte uns für 8 Tage und etwa 2.000 km nicht mehr verlassen. Es ist eine reine Sandwüste. Trotzdem leben mitten in dieser lebensfeindlichen Umgebung immer wieder Menschen in meist erbärmlichen Hütten, vereinzelt oder in Siedlungen. Wie man in diesen Behausungen, die oft nur aus dünnen Strohwänden bestehen, umgeben von Sand, bei brütender Hitze und teilweise ohne Infrastruktur überleben kann ist für uns nicht vorstellbar. Und trotzdem kämpfen die Bewohner für den Erhalt ihrer Siedlungen, wenn Unternehmen die Flächen aufkaufen wollen.

.

.

.

Kurz vor Chiclayo treffen wir eine spontane Entscheidung: Da Machu Picchu wegen der schweren Unwetterschäden für Monate nicht erreichbar ist, wollen wir die 450 km entfernte Inkastätte Kuelap besuchen, die zweitgrößte Perus. Wir biegen ab nach Osten Richtung Jaen. Es heißt, auf der Straße gäbe es Bauarbeiten, aber sie sei befahrbar.

Anfangs geht alles gut. Die Notpisten um die abgerutschte Straße sind kein wirkliches Hindernis und wir kommen zügig voran. Doch je höher wir in die Anden kommen, desto schlechter werden die Straße und das Wetter. In den Gebirgsregionen ist jetzt Regenzeit, während an der Küste Trockenzeit herrscht. Erst kommen die Nebel, später fängt es an zu regnen.

Jetzt lernen wir die peruanischen Autofahrer erst richtig kennen. Wovor in mehreren Reiseführern gewarnt wird, erfahren wir nun live. Taxifahrer fahren an Baustellensperren auf der linken Spur vor, um dann bei grüner Flagge rücksichtslos vorzupreschen und die Autos in der rechten Spur gnadenlos abzudrängen. Die Trucks fahren, was der qualmende Diesel hergibt, schneiden die Kurven und kommen einem deshalb oft auf der eigenen Spur entgegen. Am brutalsten aber sind die Busfahrer. Sie rasen wie die Verrückten, fahren auch bei dichtestem Nebel ohne Licht und extrem dicht auf und überholen selbst in den unübersichtlichsten Serpentinen. Und wenn sie nachts mal das Licht einschalten, blenden sie niemals ab. Ihre besondere Spezialität: Autoschlangen rollen sie von hinten auf, indem sie sich neben das vor ihnen befindliche Fahrzeug setzen und dann plötzlich nach rechts einscheren. Den Opfern solch krimineller Fahrweise bleibt nur die Notbremsung, um nicht in den Straßengraben oder den Abgrund gedrängt zu werden, wie ich selbst erfahren musste.  Der Fahrstil dieser Mordbuben ist im eigentlichen Sinn des Wortes mörderisch. Wie uns die Frau eines deutschen Botschaftsangehörigen später erzählt, gibt es in Peru jährlich etwa 3.500 Bus-Tote – uns wundert das nicht. Und die Ironie bleibt mir angesichts dieser Zahlen auch im Halse stecken.

Nach etwa 180 km kommen wir an eine Vollsperrung. Wir müssen stundenlang warten, bis die Straße um 17 Uhr wieder für den Verkehr geöffnet wird. Durchlass für die nächste Vollsperrung bei km 330 ist ab 19 Uhr, aber nur bis 7 Uhr morgens. Das zwingt uns zu einer Nachtfahrt, die man in Peru unbedingt vermeiden sollte. Bei strömendem Regen fahren wir bis 22 Uhr und übernachten an einer bewachten Tankstelle. Und genau hier hätten wir ein Reisejubiläum zu feiern: Die erste Weltumrundung ist geschafft! Seit unserem Start in Kanada haben wir exakt 40.000 km zurückgelegt. Die Feier fällt aus. Wir sinken erschöpft ins Bett.

Um 4 Uhr morgens brechen wir auf, um noch vor 7 Uhr die Sperre hinter uns zu lassen. Gerade als wir die ohnehin extrem schlechte Notpiste einer endlosen Baustelle erreichen, beginnen wolkenbruchartige Regenfälle. Nach kurzer Zeit stecken wir bis zu den Achsen im Schlamm. Als wir eine Gelegenheit zum Wenden finden, drehen wir entschlossen um und fahren die 350 km wieder zurück, zumal wir erfahren hatten, dass die Weiterfahrt von Kuelap aus selbst für einen Landrover eine Herausforderung darstellt. Irgendwann hört der Regen auf und wir können endlich die Landschaft genießen.

.

Wir kommen punktgenau durch alle Sperren und die schlechte Straße mit ihren unzähligen Schlaglöchern und den bis zu 10 cm hohen Absätzen im 100-Meter-Takt kommt uns vor wie ein amerikanischer freeway. Es ist eine wahre Erlösung, als wir die heiße, aber trockene Sandwüste an der Küste bei Chiclayo erreichen. Leider wird die Wüste von den Einwohnern der Stadt als Müllkippe benutzt.

.

Gut 100 km südlich von Chiclayo erreichen wir Pacasmayo, einen kleinen Badeort am Pazifik, der auch schon bessere Zeiten gesehen hat. Der Stolz des Städtchens ist die wirklich imposante Landungsbrücke, unter der sich die überwiegend peruanischen Badegäste am Strand tummeln. Wir nutzen die Gelegenheit, gehen mit Blick auf’s Meer essen und campen, wie schon so oft, gegenüber der Polizei am Hauptplatz, gut bewacht von einem Hilfspolizisten, den wir mit einem Trinkgeld von 5 Soles (1,35 Euro) motivieren.

.

Weiter geht es auf der Panamericana durch die Städte Trujillo und Chimbote, entlang der Küste. Von anderen Reisenden hatten wir gehört, die Strecke sei gähnend langweilig. Wir finden das keineswegs. Im Gegenteil! Die Sanddünen dieser faszinierenden Wüstenlandschaft erinnern uns an Afrika, ebenso wie die armseligen Behausungen der Menschen, die hier leben. Manche Hütten bestehen nur aus Plastikplanen, die um vier in den Boden gesteckte Stöcke  gezogen sind. Ihre Bewohner leben zum Teil von dem, was sie in den Müllkippen der Wüste finden.

.

.

Der kleine Fischerort Tortugas hilft uns, wieder etwas Abstand von den Problemen dieses Landes zu gewinnen. Im Parkplatz eines kleinen Hotels, hoch über dem Dorf, finden wir einen Übernachtungsplatz, von dem wir die ganze Bucht überschauen können, um die sich der Ort schmiegt. In einem sehr einfachen Strandrestaurant essen wir Fisch und schauen dabei einem Umzug der Einheimischen zu, der in ein Fest auf dem Dorfplatz mündet.

.

Weiter geht es auf der Wüstenstraße. Die Dünen reichen bis an die Fahrbahn, teilweise auch darüber und die Wüste grenzt direkt ans Meer. An einigen Stellen wirkt sie mit ihren zarten Pastelltönen wie ein abstraktes Aquarell. Wir genießen die Fahrt in vollen Zügen, zumal die Panamericana in Peru in ausgezeichnetem Zustand ist.  In Vegueta, einem kleinen Örtchen am Meer, campen wir am Strand neben einem sehr schlichten Restaurant. Es gibt Fisch – was sonst!

.

.

.

.

Unsere Wüsten-Genusstour wird am folgenden Tag jäh unterbrochen. Der Moloch Lima schluckt uns. Ein junger peruanischer guide sagte zu uns: „Wer in Lima Auto gefahren hat, braucht die Hölle nicht mehr zu fürchten“. Das macht uns richtig Mut. Nach einer halben Stunde blankem Horror in der City kommen wir jedoch auf eine Schnellstraße, die durch die 10-Millionen-Hauptstadt führt. Das erleichtert die Sache ungemein und nach weniger als 2 Stunden haben wir Lima hinter uns gelassen.

.

Zielstrebig steuern wir die 250 km entfernte Halbinsel Paracas an. Von dort aus kann man mit dem Boot zu den Islas Ballestas fahren, die berühmt für ihre Vogel- und Seelöwenkolonien sind. Scherzhaft werden die Inseln „Galapagos für Arme“ genannt – für uns also genau richtig!

Wir buchen die Tour für den nächsten Morgen und stehen um 8 Uhr am Hafen, zusammen mit etwa 250 anderen Vogelfreunden, die sich auf die 10 Boote verteilen. Zwei PS-starke Außenborder jagen das Boot in 3/4 Stunden übers Meer zu den Vogelinseln. Ein kurzer Zwischenstopp an einem Felsen gibt uns Gelegenheit, den Kandelaber zu fotografieren, eine 180 m hohe und 70 m breite Gravur im Stein. Bisher ist unbekannt, wer die Jahrhunderte alte Figur geschaffen hat und was sie bedeutet.

.

An den Islas Ballestas empfängt uns zunächst ein stechender Geruch. Er stammt von den Hinterlassenschaften der Vögel – Guano genannt – dem begehrtesten Naturdünger, den es gibt. Er wird immer noch abgeerntet, wenn auch nicht mehr so oft wie früher, was Rückschlüsse auf die schrumpfenden Populationen der Tiere zulässt. Trotzdem bevölkern noch Hunderttausende von Vögeln unterschiedlicher Arten die Felsen: Kormorane, Peru-Tölpel, Peru-Pelikane und Humboldt-Pinguine.

.

.

Das Boot fährt langsam dicht um die Inseln, sodass wir die Vögel auch von Nahem sehen können. Besonders die Pinguine haben es Barbara angetan. Und fast hätte sie die putzigen Kerlchen in der Masse der übrigen schwarz-weißen Vögel übersehen.

Lautes Gebrüll lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Höhlen und Kiesbänke unter den Felsüberhängen. Hier räkeln sich Hunderte von Seelöwen in großen Kolonien auf den Steinen. Die Bullen werfen sich in Pose und stoßen dabei ihre tiefen kehligen Laute aus.

.

.

.

Nach knapp zwei Stunden sind wir wieder zurück, steigen ins Auto und fahren in das wenige km entfernte Naturreservat. Wir brauchen etwas Erholung und suchen sie in der Wüstenlandschaft und an den Stränden des Naturschutzgebietes von Paracas.

.

Gerade als wir einen einsamen Platz auf den Klippen über dem Meer gefunden und uns für die Nacht aufgestellt haben, liest Barbara im Reiseführer, dass man hier nicht allein stehen sollte. Es seien schon Überfälle vorgekommen. Also brechen wir unsere Zelte wieder ab und fahren quer durch die Wüste zur Rangerstation, wo wir uns an einer Bucht sicher und nicht minder schön aufstellen können. Peru ist eben nicht Kanada.

.

Von der Halbinsel Paracas bis Nasca, unserem nächsten Etappenziel, sind es nur noch 220 km. Hier endet auch unsere rund 2.000 km lange Wüstenreise durch Peru und es beginnt ein neues Kapitel. Wir wollen einen zweiten Versuch machen, über die Anden zu den Inkastätten zu kommen. Doch zuvor gibt es in Nasca einiges zu sehen, z. B. die berühmten Nasca-Linien, seit 1996 Unesco-Weltkulturerbe. Die mehr als 800 geraden Linien, 300 geometrischen Figuren und ca. 70 Tier- und Pflanzenfiguren verteilen sich im Wüstensand über eine Fläche von 500 qkm. Sie stellen eines der größten archäologischen Rätsel der Welt dar.

.

Besonders imposant sind die riesigen, gut ausgearbeiteten Figuren, z.B. eine 180 m lange Eidechse, ein Kondor mit einer Flügelspannweite von 130 m, ein Kolibri, ein Wal, eine Spinne etc. Die Linien, die dem Volk der Nasca zugeschrieben werden, entstanden im Zeitraum zwischen 200 v. Chr. und 600 n. Chr. dadurch, dass man dunkle Steine zu beiden Seiten der Linien auf den helleren Grund legte. Vom Boden aus sind sie kaum zu sehen. Lediglich aus der Luft erkennt man ihre Form und Größe.

.

Einen ersten Blick auf die Nasca-Linien erhalten wir 20 km vor der Stadt. Von einem Aussichtsturm an der Panamericana kann man drei der Figuren sehen: den Baum, die Hände und die Eidechse. Wirklich gut aber sieht man die Nasca-Linien nur aus dem Flugzeug. Deshalb buchen wir für den nächsten Morgen einen Flug. Das Maschinchen ist mit fünf Personen voll besetzt. Der Pilot steuert 13 Figuren nacheinander an, wobei er jedes Mal eine scharfe Rechts- und Linkskurve fliegt, damit alle Insassen einen ungehinderten Blick nach unten haben. Die wechselnden extremen Schräglagen des Fliegers setzen den Fluggästen sichtlich zu, aber alle behalten das Frühstück bei sich. Einige Tage später erfahren wir, dass eine der Maschinen abgestürzt ist – kein Einzelfall, wie man hört. Hätten wir das vorher gewusst, wären wir wohl nicht so bereitwillig in das Flugzeug gestiegen.

Für den Nachmittag haben wir einen Besuch des Gräberfeldes von Chauchilla vorgesehen. Begleitet von einem guide – allein darf man die Anlage nicht betreten – fahren wir zu dem 30 km entfernten Freilichtmuseum. Über das Gelände verstreut befinden sich etliche offene Grabstätten aus der Nasca-Kultur. Sie enthalten neben Schädeln, Knochenresten und Grabbeigaben vor Allem mehr oder weniger gut erhaltene Mumien in sitzender Haltung. Letztere datieren vermutlich aus der Zeit zwischen 900 v. Chr. und 600 n. Chr. Alle Artefakte entstammen diesem Gräberfeld, sind aber neu arrangiert, da Grabräuber die ursprünglichen Gräber geplündert haben und die verstreuten Grabinhalte nicht mehr zuzuordnen waren. Noch heute liegen auf dem Gelände überall Knochenreste, Kleidungsfetzen, Haare und Keramikscherben herum.

.

.

.

Das Open-Air-Museum hat uns sehr beeindruckt, denn es zeigt die Bestattungskultur der Nasca nicht in einer Glasvitrine, sondern an originalem Schauplatz, umgeben von dem Land, in dem die Nasca einst lebten. Natureinflüsse, wie Wind, Sonne und Sand lassen das Bild noch authentischer erscheinen.

Advertisements

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.